15.11.2020 - 20.12.2020

720 - Félicia Eisenring / Isabell Bullerschen

720 Geschlechter soll Physarum polycephalum haben. Ein, das Konzept von Identität unterwandernder und sich der Feststellung seiner Taxonomie entziehender Schleimpilz. Widerstand scheint ihm inhärent. Über einen Zeitraum von fünf Wochen entsteht die Installation «720», die sich mit der Beziehung von Mensch und Tier unter den Aspekten von Vermenschlichung, Sorge und Profit befasst. 

Öffnungszeiten

14. November 15.00 bis 19.00 Vernissage 
20. November geöffnet 14.00 bis 17.00 Uhr
21. November geöffnet 15.00 bis 17.00 Uhr
Schleim-Workshop* 17.00 bis 19.00 Uhr mit den Künstlerinnen, Gespräch mit Caroline Ann Baur,
Journalistin und Künstlerin und Susanne Neubauer, Kunsthistorikerin und Kuratorin
27. November geöffnet 14.00 bis 17.00 Uhr
28. November geöffnet 15.00 bis 17.00 Uhr; Diskussion* 17.00 bis 19.00 Uhr mit Lea Pelosi, Philosophin und Coach und Angela Osterwalder, Künstlerin
4. Dezember geöffnet 14.00 bis 17.00 Uhr
9. Dezember geöffnet 16.00 bis 20.00 Uhr, 20.30 Uhr Freier Film Aarau: Heart of a Dog von Laurie Anderson, Einführung von Kameramann Toshiaki Ozawa
11. Dezember geöffnet 14.00 bis 17.00 Uhr 
18. Dezember geöffnet 14.00 bis 17.00 Uhr
20. Dezember 15.00 bis 19.00 Uhr Finissage mit Soundinstallation von Shayu

Weitere Öffnungszeiten nach Absprache 

*bitte anmelden bei mail@kunst-im-eck.ch 

Wir bedanken uns für die Unterstützung dieses Projektes bei:
Aargauer Kuratorium, Stadt Aarau, Hans und Lina Blattner Stiftung, Kulturstiftung Neue Aargauer Bank

 

Das Setting der beiden Künstlerinnen stellt die Vermenschlichung des Tieres und das Verfügen des Menschen über Sexualität und Fortpflanzung des Tieres zur Diskussion. Neonobjekte, Pferdebandagen, Schleim und Handhalterungen sind als ambivalente Eckpfeiler zur Entkrustung festgefahrener Denkstrukturen und eigener Konditionierung eingesetzt. Fragen der Moralität werden kritisch beleuchtet und die Möglichkeit, dem Anthropozän andere futuristische Beziehungssysteme entgegenzusetzen, diskutiert und behandelt. Theoretische Ansätze, Gespräch und Textbezug sind in dieser Ausstellung wichtige Akteure, begleitet im Raum von einer, sich im Laufe der Ausstellung weiterentwickelnden Soundinstallation.

Inspiriert hat die Künstlerinnen «Die queere Performativität der Natur» der Physikerin und Philosophin Karen Barad: «Wir wollen wie Barad “das vermenschlichende Moment für eine Infragestellung nutzen, nicht um die gewohnten Projektionen zu wiederholen, sondern (...) um dadurch einen Raum für Reaktionen zu eröffnen”. Barad schlägt vor, “das Andere” einzuladen, zu antworten. Wir möchten das Andere in Form des Schleims einladen, zu antworten: der Schleim, der soziale Amöbe sein kann; ein Schleimpilz, der das Konzept von Identität unterwandert; wo das vermenschlichende Moment bösartig propagiert wird, jedoch ein inspirierender Organismus ist; der Schleim, der von Ekel getränkt, gleichzeitig eine unerklärliche Anziehung ausübt; der Schleim, der unsere Hirnwindungen verklebt und gleichzeitig das Schmiermittel für neues Denken ist.»

Félicia Eisenring und Isabell Bullerschen arbeiten pointiert. Ihre Themen rühren oftmals an Tabus und spielen sich in gesellschaftlichen Nischen ab. So auch in der Inszenierung im ECK, wo sich auffällige, verführerisch leuchtende Neons erst auf den zweiten Blick als Geschlechtsteile von Tieren zu erkennen geben. Es sind künstlerische Umsetzungen von Annoncen für Hunde- und Katzenhalter*innen, die mittels skurril anmutender Werbung ihre Tiere anderen Haustierbesitzer*innen zur Paarung anbieten.

Die Präsenz des Schleims hat wie oben beschrieben auch metaphorischen Charakter, soll er doch die eigene Konditionierung schmieren und beweglich machen. Diese Konditionierung entdecken die beiden Künstlerinnen auch bei sich selbst; kritisch schauen sie auf ihre eigenen Automatismen und Gewohnheiten und enthüllen den Spagat zwischen Ideal - der Auseinandersetzung mit feministischen Theorien - und ihrem Alltag. Sie bringen künstlerisch auf den Punkt, was sie in aufwändigen Recherchen und mit theoretischen Referenzen während des Arbeitsprozesses von allen Seiten bearbeiten. Sie fordern das Sinnliche, Emotionale, Rationale, ja das Übersinnliche heraus, bewegen sich zwischen Fiktion und Information, geben dem Unheimlichen Raum. Das ist in ihren gemeinsamen Arbeiten seit 2015 so. Gestaltete Objekte changieren, sind Cyborg und Organ, eine wirkliche Pflanze wirkt künstlich (Razor Cortex 2019), ein Apéro-Tisch bekommt die Qualität eines chemischen Versuchslabors und ist Teil eines Raum-Temperamentes (Natura Operans, 2018), der Hund erscheint als Dominator des Menschen (Potomok vlkov, 2015) und jetzt leuchten mit «720» die Neons, hängt der Geruch von Einstreu und Beruhigungsduft für Haustiere im Raum und der Schleim erscheint als Modellorganismus einer neuen Art von Widerstand.