3.10.2020 - 05.09.2020

Andrina Jörg - Paranatur Forschungslaboratorium

Die Künstlerin und Kulturpublizistin Andrina Jörg arbeitet seit vielen Jahren an der Sammlung einer «paranatürlichen Konsum-Flora». Die organischen Erscheinungsformen unserer Konsumwelten inszeniert sie im öffentlichen Raum wie auch in Kunsträumen. Die irritierende Nähe zu Pflanzen und die mehr oder weniger offensichtliche Künstlichkeit der gewählten Verbrauchsmaterialien stellen unsere Wahrnehmung auf die Probe. Durch die Verschränkung von realitätsnahen Fälschungen und einer für die Klassifizierung und Dokumentation dem botanischen Diskurs entlehnten Sprache entstehen poetische, überraschende, augenzwinkerndeWerke von vielschichtiger Bedeutung.

Öffnungszeiten im Beisein der Künstlerin jeweils 11.00 bis 15.00 Uhr 

Samstag, 10. Oktober, Sonntag, 18. Oktober, Sonntag, 25. Oktober, Sonntag, 1. November

Video von Flavian Cajacob über die Arbeit der Künstlerin Andrina Jörg anlässlich der Ausstellung Paranatur Forschungslaboratorium im Eck, Raum für Kunst, Aarau.

https://youtu.be/MOfkdIGrzvs

Andrina Jörg wird mit ihren Materialien den Kunstraum ECK und die nahe Umgebung in der Altstadt bespielen. Sie öffnet ihr Laboratorium für alle Interessierten und wird als Forscherin mit Passantinnen und Passanten in Kontakt treten. An verschiedenen Werktagen wird sie im Stadtraum anzutreffen sein und an ausgewählten Wochenenden empfängt sie Besucherinnen und Besucher im ECK.

Zudem lädt sie Expert*innen aus Alltag, Kunst und Wissenschaft zu assoziativen Reflexionen zum «Paranatur Forschungslaboratorium» ein, um diese in ihre künstlerische und theoretische Arbeit einzubinden.

Andrina Jörg über das Paranatur Forschungslaboratorium

Mein künstlerisches Forschungsinteresse entwickelte sich vor dem Hintergrund aktueller ökologischer Situationen und neu gestellter Repräsentationsfragen zur Natur. Der Naturbegriff wird angesichts technologischer Entwicklungen je länger je schwieriger zu definieren. Medien und Politik sind zudem unlängst Reizworte wie bspw. «Anthropozän oder «Mikroplastik» laut geworden.

Im Kontext dieser Debatten werden Vorstellungen bezüglich einer (neu) zu denkenden Natur angerufen: wie wird Natur repräsentiert, wie sehen wir diese auch vor dem Hintergrund unserer Konsumansprüche, wie imaginieren wir eine zukuünftige Natur und wie werden wir künftige Naturen assoziieren, beschreiben und definieren?

Als Künstlerin beschäftige ich mich seit über zwei Jahrzehnten mit zeitgenössischen Wahrnehmungen und Darstellungen von sogenannter Natur und deren thematischen Verflechtungen mit Konsum. In den letzten Jahren ist im Rahmen des «Paranatur»-Projekts ein narratives Display aus beweglichen Elementen hervorgegangen. Mittels Fotografien, Objekten, Installationen, Interventionen, Taxonomien und Texten, welche die «Paranatur» thematisieren, agiere und interveniere ich ortspezifisch und kontextbezogen. Aus dem Ordnen und Klassifizieren der Dinge ist zudem ein Bestimmungsbuch hervorgegangen. 

Mittels Strategien der De- und Rekontextualisierung untersuche ich in diesem Langzeitprojekt, welches ich mittlerweile «Paranatur Forschungslaboratorium» nenne, wie Natur- und Konsumbilder resp. Alltagsobjekte und Mikro-Umgebungen, in denen Natur zur Darstellung kommt, in ihren Verschränkungen im Kontext von Konsum und Kultur Natur suggerieren und wie mit künstlerischen Mitteln traditionelle Vorstellungen von Natur überschritten werden können.

Aufbauend auf meiner künstlerischen Forschung habe ich im Kontext eines zweiwöchigen künstlerischen Vermittlungssettings mit zwei Schulen eine methodisch erweiterte Exploration durchgeführt, welche nebst den künstlerischen Strategien im Rahmen des Masters Research on the Arts erstmals sozialanthropologisch orientierte Forschungs- und Analysemethoden miteinbezog. Dabei ging ich der Frage nach, wie mit künstlerisch vermittelnden Methoden Vorstellungen einer fiktiven Pflanzenwelt auf der Ebene von Ästhetik und Spiel zur Darstellung gebracht werden, wie weit dabei auch Fragen des Konsums kritisch reflektiert werden können, inwiefern standardisierte Vorstellungen von Pflanzen übertroffen werden und wie dies mit sozialanthropologisch orientierten Methoden beschrieben werden kann.

In Wissenschaften, Kunst und Gesellschaft finden je länger je mehr Diskurse Eingang, welche die Verwerfung der ursprünglichen Trennung von Natur und Kultur vorschlagen und somit alternative Repräsentationsmodelle und Definitionen von Natur(en) in Verhandlung bringen. Zu ihnen gehören auch die Wissenschaftler*innen Donna Haraway, Philippe Descola oder Bruno Latour. In diesem Sinn stellen die vordergründigen Form- und Farbanalogien von Natur und Konsumgegenständen nicht nur unsere Wahrnehmung auf die Probe, vielmehr befragen diese auch unsere Vorstellungen von Natur und Kultur und ihre jeweilig aktuellen Grenzen und Verschiebungen.